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Einsam - Operation am offenen Glaubenssatz

von Susanne Große-Venhaus
21.06.2020

Dieser leise Schmerz.

 

Vorgestern hatte mein Sohn seine letzte Abiprüfung. Eine Ära geht zu Ende und das "Kind" über kurz oder lang aus dem Haus. Meine letzte Beziehung habe ich verloren, die Ehe sowieso und aus den ganzen Freundeskreisen sind nur vereinzelte Menschen übrig geblieben. Jetzt steht wieder ein langes Wochenende vor der Tür. Erwachsenes Kind ist nicht da, Verabredung hab ich keine.

 

"Ich bin einsam."

 

Der leise Schmerz. Ich versuche ihn wegzudaddeln, bin total engagiert in meinen Kursen, da werde ich wenigstens noch gebraucht, da bin ich irgendwie wer. Aber sonst?

 

"Ich bin einsam."

 

Wenn ich den Gedanken zulasse, wird er lauter werden, der Schmerz. Vielleicht sollte ich doch einen Film schauen heute Abend.

 

"Ich bin so einsam." empört sich mein Verstand und setzt noch ein *so* dazu. Zwei Buchstaben, ein Wort, und das Drama verschärft sich.

 

**Ich**Bin**So**Einsam**

 

Vier kleine Dramen begegnen vier kleinen Fragen, die in mir leben:

Ist das wahr? Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich das denke (jedes einzelne Wort mit Bedeutung fülle)? Wer wäre ich ohne den Gedanken?

 

Operation am offenen Glaubenssatz.

 

I C H - Ja klar, wer sonst? In mir zittert es. Scham. Wenn ihr, wenn die Welt wüßte, wie alleingelassen ich mich manchmal fühle. Alle sind irgendwie eingebunden, nur *ich* nicht. Ich-Ich-Ich-Ich. Spieglein - Spieglein an der Wand, wer ist die Einsamste im ganzen Land? Und erzähl mir jetzt nicht Schneewittchen hinter den 7 Bergen sei einsamer, denn die hat ja schließlich die 7 Zwerge. *Ich* muß die Fassade aufrecht erhalten. Ich muß cool tun, damit meine Einsamkeit nicht bemerkt wird. Damit *ich* auch wirklich einsam bleiben kann. Ohne das *ich* ginge es gar nicht, einsam zu sein. Ach, das wäre irgendwie auch langweilig.

 

B I N - Das füllt mein ganzes Sein aus. Mit dem "bin" bestehe ich nur noch auch Einsamkeit. Bis in die letzte Pore. Ich bin dann weder eine Frau, noch eine Mutter, noch atmend oder krank oder gesund. Ich bin Einsamkeit bis in die letzte Faser meines Seins. Ohne das "bin" wäre es nur ein Intermezzo, ein Gefühl, das mich beschleicht, eigentlich mehr wie der Besuch einer altbekannten Freundin. Eine die immer schon da war und mich immer mal wieder besucht, mit der ich mal besser, mal schlechter zurecht komme, bis ans Ende meines Lebens.

 

S O - Klar, das mußte ich noch dazu fügen. Als ob "einsam" alleine noch nicht reichen würde. So = Besonders besonders. Oh ja, eigentlich bringt das *so* die Drama-Queen-Diva erst so richtig in Wallung. Passend dazu schluckt sie dann tapfer noch ein paar Jammer-Tränen runter. *So* ist einfach nur eine rotzfreche Lüge, ohne die das einsam sein gleich viel weniger Spass macht.

 

E I N S A M - Einsam, ich sehe etwas wie ein verlassenes Westernkaff in der staubigen Wüste, und fühle diese Wüste in meinem Inneren. Nie wieder werde ich innige Zweisamkeit erleben.

 

Äh ........ HALT - STOP!

Zweisamkeit ist innig und Einsamkeit ist schrecklich? Finde den Fehler.

Ohne den Gedanken kann ich landen, den Samen in dem Wort und dem Seinszustand finden.

 

Ich bin innig einsam.

.................................................................................................

 

Ein Samen in mir.

 

Ein Samen gemacht aus Einsamkeit.

Der mich von der Welt befreit.

 

Stille Tränen gemacht aus Liebe.

Lassen wachsen neue Triebe.

 

Beim Rückzug in die Stille.

Finde ich die innere Fülle.

 

Innig so mit mir allein.

Darf ich gern mal einsam sein.

 

 

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