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Unzufrieden mit mir

von Ute Netzmann
12.10.2020

Sie hatte die schönste Rolle vorwärts gemacht, die sie konnte. Aber sie haben sie nicht ausgewählt. So gerne hätte sie zu Hause erzählt, dass sie ausgewählt wurde. Aber das, was sie war und konnte, reichte scheinbar nicht aus, um gut zu sein. Etwas lastete schwer auf ihrer Brust.

 

Inzwischen ist dieses Mädchen längst eine Frau. Lasst uns mal die Zeit zurückdrehen: Reisen wir mehr als 40 Jahre zurück und stellen dem Mädchen ein paar Fragen. 

 

Hey, was ist passiert?

 

Sie sind nicht zufrieden mit mir. Ich hab‘ es nicht geschafft. Ich bin nicht gut genug.

 

Das Mädchen schaut auf den Boden und weint.

 

Wer ist nicht zufrieden mit dir?

 

Diese Leute im Sportunterricht. Wir sollten vorturnen. Sie haben sportliche Kinder ausgesucht.

 

Die Leute sind nicht zufrieden mit dir? Stimmt das? Ist das wahr?

 

Ja, sie haben mich nicht ausgewählt.

 

Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass es wahr ist, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

Pause…Oh, also gesagt haben sie das nicht…. Pause….Nein.

 

Wie reagierst du, was passiert, wenn du glaubst, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

Dann bin ich todtraurig. Ich wollte so gerne, dass meine Eltern stolz auf mich sind. Ich glaube, ich muss etwas erreichen, etwas erfüllen, um gut zu sein. Aber ich habe es nicht geschafft.

 

Ich fühle mich unsichtbar. Als ob die anderen mich nicht sehen. Und ich ärgere mich über mich selbst. Ich bin mit mir selbst nicht zufrieden.

 

Wie fühlt sich das in deinem Körper an, wenn du glaubst, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

In mir fällt alles zusammen. Mein Herz krampft sich zusammen. Es wird ganzklein wie eine Erbse.

 

Wie behandelst du die anderen Leute, wenn du glaubst, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

Ich glaube, sie sind diejenigen die über mich bestimmen können. Ich behandele sie so, als wenn sie diejenigen sind, die entscheiden können, ob ich gut bin oder nicht und ob ich einen Wert habe oder nicht.

 

Wie gehst du mit dir selbst um, wenn du glaubst, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

Als wenn ich nicht da wäre. Ich rede gar nicht mit mir. Ich denke gar nicht darüber nach, was ich denn eigentlich glaube, wer ich bin. Das ist, als wenn ich mich selbst überhaupt nicht kenne.

 

Was kannst du nicht sehen, wenn du glaubst, dass sie nicht zufrieden mit dir sind? Schließ einmal die Augen. Wenn es jetzt in dieser Situation etwas gibt, was du nicht sehen kannst, was könnte das sein?

 

Das Mädchen schließt die Augen und reißt sie weit auf.

 

Oh, ich kann nicht sehen, dass niemand zu mir gesagt hat, dass er nicht zufrieden mit mir ist. Sie haben nur die allerbesten ausgesucht. Zu den allerbesten gehöre ich nicht. Aber das heißt ja nicht, dass sie nicht zufrieden mit mir sind.

 

Und ich kann nicht sehen, dass außer mir ja auch ganz viele andere Kinder nicht ausgewählt wurden.

 

Das Mädchen lacht laut auf.

 

Es ist ja nicht so, dass sie die ganze Klasse ausgewählt haben und nur mich nicht. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht.

 

Oh, und ich kann gar nicht sehen, dass es nicht schlimm ist, wenn ich in Sport nicht so gut bin. Vielleicht gibt es andere Sachen, die ich gut kann. Hmm …. ich habe mich auch noch nicht gefragt, was ich denn wirklich machen möchte…Pause…Eigentlich möchte ich gar keinen Leistungssport machen. Ja, ich will viel lieber basteln oder singen oder mich um kleine Pflanzen oder Tiere kümmern.

 

Ich glaube immer irgendetwas leisten zu müssen. Ich komme gar nicht auf die Idee, einfach nur die Dinge zu machen, die mir Freude machen.

 

Und ich kann nicht sehen, dass ich mir selbst noch nie die Frage gestellt habe, ob ich eigentlich zufrieden mit mir bin. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen.

 

Wozu bist du nicht in der Lage, wenn du glaubst, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

Das Mädchen kichert.

 

Ich bin nicht in der Lage zu sagen „Scheiße Mann, Rolle vorwärts habe ich noch nie gerne gemacht. Ist doch egal! Sollen das doch andere machen!“

 

Ich bin nicht in der Lage, mich selbst toll zu finden.

 

Wer wärst du jetzt hier ohne diesen Gedanken, dass sie nicht zufrieden mit dir sind?

 

Stell dir vor, die Situation ist genauso wie sie ist. Sie haben dich nicht ausgewählt. Und der Gedanke, dass sie mit dir nicht zufrieden sind, den kannst du gar nicht glauben. Wer wärst du dann?

 

 

 

Das Mädchen lächelt.

 

 

 

Dann könnte ich mich für die anderen Kinder freuen, dass sie es geschafft haben. Und ich könnte sehen, dass niemand etwas von mir erwartet hat, außer ich selbst. Die Leute nicht, meine Sportlehrerin nicht, meine Eltern nicht…. Auch die anderen Kinder haben nicht gesagt: „Haha, du hast es ja nicht geschafft.“

 

Ich könnte sehen, dass die Leute total zufrieden sind, weil sie zwei/drei besonders sportliche Kinder gefunden haben und damit ist es gut. Sie hatten gar kein Problem mit mir.

 

Oh, ich wäre sehr erleichtert. Ich hätte wieder Energie und Freude.

 

Lass uns einmal schauen, wie man den Gedanken umdrehen kann.  „Die Leute sind nicht zufrieden mit mir.“ Drehen wir es mal um zu „Ich bin nicht zufrieden mit mir.“ Wie kann es wahr sein, dass du in dieser Situation nicht zufrieden mit dir bist? Kannst du dafür ein Beispiel finden?

 

Ja, das ist wahr. Ich bin die Einzige, die etwas von mir erwartet. Ich erwarte von mir selbst, ganz sportlich zu sein. Das stimmt. Sie sind gar nicht unzufrieden mit mir, weil ich nicht sportlich genug bin. Nur ich bin unzufrieden mit mir.

 

Kennst du das auch aus anderen Situationen, dass du nicht zufrieden mit dir bist?

 

Ja, das ist oft so. Ich glaube immer, ich muss besser sein.

 

„Du bist unzufrieden mit den Leuten.“ Wie kann auch diese Umkehrung wahr sein? Kannst du dafür ein Beispiel finden?

 

Ja, ich habe mir von ihnen gewünscht, dass sie mich auswählen. Und dann war ich nicht zufrieden mit ihnen und ihrer Entscheidung. Ich konnte nicht sehen, dass sie es richtig gemacht haben, dass sie die Richtigen ausgewählt haben, weil ich ja gar keine Leistungssportlerin bin.

 

Vor 40 Jahren hat dem Mädchen niemand diese Fragen gestellt. Erst viele Jahre später, als sie längst eine Frau war, erkannte sie, dass alles, was sie über sich denken konnte, immer nur von außen kam.  Nicht aus ihr selbst heraus. Sie hatte sich immer danach bemessen, was andere Menschen scheinbar über sie dachten. Danach richtete sich ihr Gefühlszustand aus. Davon war sie abhängig. Erst Jahre später erkannte sie, dass die entscheidende Frage ist, ob sie selbst mit sich zufrieden ist und dass das der Schlüssel zum Glück ist.

 

 

 

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