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Ich muss für andere sichtbar sein.

von Jana Rosenthal
01.03.2021

„It’s a joy to be hidden and a disaster not to be found.” - D.W. Winnicott

Vor einiger Zeit stieß ich auf dieses Zitat, und seitdem denke ich oft daran. Ich sehe das Bild eines kleinen Mädchens, das mit seinen Freundinnen Verstecken spielt. Es freut sich, wenn es einen guten Platz gefunden hat, wo niemand es sehen kann. Die Spannung kribbelt im Bauch wie kleine Luftblasen, das Mädchen hält sich die Hand vor den Mund, um sich nicht zu verraten. Was für eine Freude: beim Spiel dabei zu sein, dazuzugehören, und zugleich für sich zu sein und ganz man selbst sein zu dürfen.

Das Versteck ist zu gut, niemand findet das Mädchen. Plötzlich sind alle weg. Es bleibt allein und vergessen. Es ist, als ob es gar nicht existiert. Im Innern des Mädchens steigt Verzweiflung auf wie ein dunkler Schatten. Gelähmt bleibt es wo es ist.

Das kleine Mädchen bin ich. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, das Gefühl, dazuzugehören, ist für mich so lebenswichtig wie Sauerstoff zum Atmen. Und ich fühle mich am wohlsten, wenn ich nicht im Mittelpunkt stehe. Ich bin gut im Beobachten und Zuhören. Aber manchmal taucht dabei plötzlich die Vorstellung auf, unsichtbar zu sein, nicht wirklich zu existieren. Ich fühle, wie mein Körper langsam erstarrt und sich eine Wand zwischen mich und die anderen schiebt. Es ist, als ob mir in diesem Moment das Leben entgleitet.

Es scheint so, als ob der einzige Ausweg für mich darin besteht, dafür zu sorgen, für andere sichtbar zu sein. Offenbar brauche ich das Gesehen-werden, das Gefunden-werden, um mich verbunden und lebendig zu fühlen. Brauche ich die Bestätigung der anderen, damit ich weiß, dass ich existiere.

„Ich muss für andere sichtbar sein“. Glaube ich diesen Gedanken, fühle ich sofort Druck. Ich versuche, anders zu sein als ich in dem Moment bin. Ich bin mit meiner Aufmerksamkeit bei den anderen und nicht bei mir. Ich denke: „Sichtbar-sein“ ist es etwas, das ich nicht gut kann. Ich muss es herstellen, etwas dafür tun. Das ist anstrengend.

Und ich fühle mich hilflos und ausgeliefert. Ich warte und erwarte von den anderen, dass sie mich endlich sehen, endlich zur Kenntnis nehmen. Ich verharre in verzweifelter Passivität und entferne mich innerlich immer mehr von den anderen.

Ohne den Gedanken „Ich muss für andere sichtbar sein.“ bin ich mit mir verbunden. Ich spüre, was sich für mich gerade stimmig anfühlt: Will ich mich zurücklehnen und beobachten oder will etwas gesagt werden?  In jedem Fall zeige ich mich so wie ich in dem Moment wirklich bin – aufrichtig und mühelos.

Wie kann ich dafür sorgen, mit mir verbunden zu bleiben, auch wenn ich mit anderen zusammen bin? Die Umkehrung zeigt mir die Lösung: Ich muss für mich sichtbar sein. Indem ich mir anschaue, was in mir vorgeht und dem folge, was sich für mich stimmig anfühlt. Unabhängig davon, ob jemand anders mich wahrnimmt oder nicht. 

Das Mädchen steht auf und verlässt sein Versteck, wenn ihm danach ist. Es wartet nicht darauf, gefunden zu werden. Es geht zu den anderen und spielt einfach weiter.

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