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Waschen-Schneiden-Worken

von Maik Richter
11.03.2021

Endlich war es soweit:

Ich hatte am Samstag meinen Friseurtermin!

Nach fast 3 Monaten Corona-bedingter Abstinenz war aus meiner normalerweise 2 mm-Kurzhaarfrisur eine wahre Lockenpracht geworden.

Da ich direkt nach meinem Friseurbesuch zu einer wichtigen Verabredung wollte, stand ich Samstagmittag pünktlich auf die Minute erwartungsvoll vor der Eingangs­tür meines Lieblingsfriseurs.

Und wurde nicht reingelassen!

Ein anderer wäre noch vor mir dran. Ich solle doch bitte noch etwas warten.

Plötzlich bemerkte ich, wie sich mein Magen zusammenzog, ich mich verkrampfte, meine Galle langsam nach oben stieg und dunkle Wolken, aus denen Blitze schossen, sich vor meinem geistigen Auge auftürmten.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein! Wozu habe ich überhaupt einen Termin gemacht, wenn ich dann nicht gleich drankomme?! Was glaubt der eigentlich, wer er ist – er ist nur ein Friseur, kein Arzt! Na der kann lange auf sein Trinkgeld warten. Eine Frechheit! Hier komme ich nie wieder her! Und überhaupt – die Corona-Vorschriften werden hier bestimmt auch nicht ein­ge­halten…“

Zu meinem Glück dachte ich mir das alles nur und sprach es nicht laut aus.

Ja, was dachte ich eigentlich genau?

„Er hält mich nicht für wichtig.“

Das war mein stressiger Gedanke in dem Moment. Und sobald ich das erkannte, nutzte ich die gewonnene Zeit für eine kurze „Work to go“.

Ist der Gedanke wahr? - Ja!
Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass der Gedanke wahr ist? - Nein.

Das Gefühl der 3. Frage durchlebte ich ja gerade und für die 4. Frage „Wer wäre ich ohne den Gedanken?“ nahm ich 3 tiefe Atemzüge aus dem Bauch heraus, konzen­trierte mich auf meinen Körper und wurde so im Jetzt präsent.

Und plötzlich veränderte sich alles – es wurde für einen Moment still in mir, alle be­lastenden Gedanken waren verschwunden. Ich fühlte mich frei und eine tiefe Ruhe breitete sich in mir aus.

Auf einmal konnte ich das Geschehen um mich herum klar und deutlich beobachten: eine Frau betrachtete ganz verzückt ihren neuen Style im Spiegel und machte Selfies von sich, eine Friseurin gab ihr ein Kompliment. Eine andere Kundin erzählte ohne Punkt und Komma jedem in ihrer Umgebung eine ihrer Lebensgeschichten. Ein neuer Kunde kam zur Tür herein und ich half ihm für sein Corona-Meldeformular mit dem heutigen Datum aus. Vor einem Spiegel saß ein älterer Mann mit schwarzen Wachs-Pfropfen in Nase und Ohren. Es herrschte eine muntere und ausgelassene Stimmung wie in einer Großfamilie.

Das alles hatte ich vorher mit meinem düsteren Gedanken im Kopf gar nicht wahr­nehmen können.

Ich machte mich an die Umkehrungen: „Ich halte ihn nicht für wichtig“.

Das stimmte in der Tat – ich behandelte ihn wie einen Dienstboten und nicht wie einen Dienstleister. Mir fiel jetzt auch ein, dass alle Mitarbeiter hier bereits ununter­brochen seit 6 Tagen von früh morgens bis spät abends unter erschwerten Corona-Bedingungen arbeiteten. Nur, damit Typen wie ich wieder kultiviert aussahen. Und sie waren ausnahmslos gut drauf und hatten für jeden ein herzliches Wort übrig.

Inzwischen war ich an der Reihe.

Völlig relaxed und mit einem Lächeln auf den Lippen begrüßte ich meinen Friseur, nahm Platz und er machte sich an die Arbeit. Er erzählte mir nebenbei eine witzige Geschichte über seinen Bekannten, der die Methode der Barbiere, sich mit Feuer die Ohrhärchen abzubrennen, falsch verstanden hatte und sich Rasierwasser ins Ohr spritzte und dann ein Feuerzeug dran­hielt.

Ist gerade noch mal gut gegangen.

Das mit seinem Bekannten und mein Friseurbesuch.

Aus einer stressigen Situation, aus der sich eine Menge Ärger hätte entwickeln können, der noch lange die Atmosphäre verpestet, wurde so für alle Beteiligten "Prime-Time", wie meine Tochter sagen würde.

Und anstatt danach bei meinem Freund über unfreundliche Friseure und überhaupt zu lästern und uns in negative Gedanken und Emotionen reinzusteigern, nahm ich mein angenehmes Gefühl von innerem Frieden und Verbunden­heit zu ihm mit.

Sein Trinkgeld bekam mein Friseur natürlich. Und ich freue mich schon auf unseren nächsten Termin :-)

Während ich langsam zu meinem Auto ging, kam mir noch die Umkehrung zu mir in den Sinn: „Ich halte mich nicht für wichtig.“

Dieser Gedanke hat mich ganz schön getroffen. Ich muss mir eingestehen, dass da eine ganze Menge Wahrheit drinsteckt. Oft traue ich mich nicht, meine Meinung zu sagen, obwohl ich es gerne täte. Ich trete dann in den Hintergrund und hoffe, dass ich angesprochen und gefragt werde. Vielleicht war ich auch deshalb in dieser Situation so angetriggert, weil ich hoffte, die anderen erkennen von sich aus meinen Wert und behandeln mich entsprechend. Was sie aber nicht taten.

Man sagt ja "Vor der Work ist nach der Work". Ich glaube, diese Umkehrung demnächst zu worken, wird mir guttun.

Als ich am Abend die ganze Situation nochmals Revue passieren ließ, kam eine wertvolle Erkenntnis in mir hoch. Nämlich der Gedanke "Ich nehme mich zu wichtig" Das ist zwar keine Umkehrung im eigentlichen Sinne der Work, doch mir wurde klar, dass sich mein Ego am Anfang genau deshalb so aufgeblasen hatte, nämlich um meinen Glaubenssatz "Ich nehme mich nicht wichtig" zu kaschieren.

Genau darum geht es wohl im Leben: zu wissen, dass ich wichtig bin, mich aber nicht zu wichtig zu nehmen!

Um das zu unterstützen, werde ich in Zukunft außerdem dem Gedanken „Ich halte ihn für wichtig“ noch mehr Beachtung schenken.

Und das beziehe ich nicht nur auf Friseure.

The Work works!

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