vtw Storys

Silvia l(i)ebt

von Susanne Große-Venhaus
05.02.2020

Nennen wir sie Silvia. Silvia war nie bei mir. Ähnlichkeiten mit lebenden und liebenden Personen sind aber nicht ausgeschlossen und absolut erwünscht. Silvia, hieß damals vielleicht Gerda oder Iris oder Marion. Und irgendwie hieß sie immer auch Susi, ich durfte mich in all diesen Silvia's immer wieder selbst erkennen. Obwohl Silvia also frei erfunden ist, habe ich alles, was ich euch über Silvia erzähle, so erlebt, wenn ich erleben durfte, was The Work so eröffnen kann.

 

Silvia kommt zu mir, weil sie in ihrer Beziehung nicht mehr glücklich ist. Sie liebt ihren Mann und doch ist etwas verloren gegangen. Im Bett sowieso und überhaupt auch. (Und vielleicht hat Silivia auch gar keinen Mann, aber sie hatte mindestens einen, mit dem war das irgendwann so).

 

Silvia möchte etwas ändern. Sie will ihre Beziehung retten. Ich sage ihr, dass wir nie wissen, was dabei heraus kommt, wenn wir anfangen mit The Work zu arbeiten. Sie wird ihre ureigenste Wahrheit finden und das kann heißen, dass sie feststellt, dass sie ihren Mann weiter liebt UND nicht mehr mit ihm leben will oder dass die Beziehung einen neuen Schwung erhält, oder...

 

Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt dann leise: "Ich weiß nicht, vor welcher Variante ich mehr Angst habe."

 

Ja, so ist das, wenn wir auf Wahrheitssuche gehen, dann macht das Angst, manchmal wünschen wir uns sooo sehr Veränderung, aber gleichzeitig haben wir sooo große Angst davor, das Gewohnte zu verlassen. Ich fühle mit Silvia, ich kenne diese diffuse Angst vor der Wahrheit.

 

Wir überlegen, wo wir anfangen und entscheiden uns am Ende für das, was gerade obenauf liegt.

 

The Work ist keine Therapie. Wir müssen hier nicht tief graben, wir müssen auch nicht auf Deuvel komm raus über die Beziehung und den Sex worken. Es ist offensichtlich, dass Silvia gerade nicht wirklich darüber reden will. Sie ist hier, das ist das Einzige was zählt.

 

Was schließlich aufpoppt ist ein ganz anderes Thema. Sie ist unzufrieden in ihrem Job, überlegt, sich woanders hin zu bewerben. Allerdings zweifelt sie daran, ob sie gut genug ist. Wir finden eine Situation mit einer Person, die Silvia irgendwie beneidet, weil sie beruflich, so viel "besser" ist sei. Wir machen die Work. Im Zuge dessen taucht ein interessanter anderer Aspekt auf.

 

Silvia befürchtet, diese Person könnte ihr das neiden, sollte Silvia im Zuge des Jobwechsels einen Karrierschritt machen. An dieser Stelle wirkt Silvia auf einmal irgendwie gepresst, so wie in einer Hochdruckglocke. Wow, die größte Angst scheint nicht die zu sein, dass sie versagt, sondern die, dass sie glänzt und dann von anderen verurteilt wird. Damit sitzen wir erstmal.

 

Schließlich findet sie den folgenden "heimlichen" Gedanken: "Die anderen werden mir vorwerfen, meinen Charme eingesetzt zu haben."

Wir schauen uns auch das mit The Work an.

 

Während der Work tauchen Bilder auf. Silvia als kleines Mädchen, sie war zuckersüß, natürlich. Der Liebling der Erwachsenen. Das fanden die anderen KInder nicht so lustig. Silvia hat sich fortan unbewußt verboten, allzu l(i)ebenslustig und charmant zu sein.

 

"Wer wärest du ohne den Gedanken?" frage ich sie. Wir scannen durch die aufgetauchten Situationen, damals als Kind, heute als Erwachsene. Sie findet Antworten. Und dann beginnen ihre Augen zu glänzen, ihre Gesichtszüge entspannen sich. Wow, ich sehe auf einmal die kraftvolle und zutiefst weibliche Frau, die ich vorher nur schon hinter ihren gestressten Gesichtszügen erahnen, aber noch nicht sehen konnte.

 

Wir gleiten zu den Umkehrungen. Stellen fest, dass sie selbst es war, die sich so oft - viel zu oft - vorgeworfen hat, ihren Charme einzusetzen. Niemand hat ihr das je exakt so vorgeworfen. Im Gegenteil, in ihrem Umfeld wurde sie oft ermuntert, dass es an der Zeit für den nächsten Karriereschritt ist.

 

Silvia findet für sich selbst eine Hausaufgabe, mit The Work nennen wir das eine gelebte Umkehrung. Sie wird sich mit diesem süßen kleinen Mädchen wieder verbinden. Sie kramt ein altes Foto raus und hält Zwiesprache mit der Kleinen, sie beobachtet kleine Mädchen auf der Straße, genießt deren Charme, wissend, dass dieser auch in ihr steckt, immer noch.

 

Als sie mir per Mail davon erzählt, bekomme ich eine Gänsehaut und als ich das nächste Mal ein kleines Mädchen sehe, sehe ich erst Silvia, aber eigentlich sehe ich mich.

 

Silvia hat übrigens eine neue Stelle jetzt.

 

Ob das alles etwas mit ihrem Mann und dem Sex zu tun hat? Was denkst du?

 

Ich freue mich auf die nächste Session mit Silvia.

 

Die Bewerbung hat sie übrigens abgeschickt.

 

 

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