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Die Geschichte von meiner Angst

von Ute Netzmann
17.05.2020

Als es die ersten Infizierten in Deutschland gibt, ist für mich schnell klar: Vor dem Virus habe ich keine Angst. Ich bin mit mir selbst zufrieden und halte mich für clever. Zeitgleich sagt mir eine innere Stimme: „Ute. Jetzt musst du dich ganz auf dich besinnen, ganz bei dir ankommen.“

 

Ebenso zeitgleich werden Fragen in mir laut. Wenn das Virus nicht gefährlich ist, worum geht es dann hier wirklich? Wenn sich in 2017/18 niemand um 25 000 Grippetote sorgte, warum dann auf einmal jetzt so eine Welle? Wenn ein Dr. Wodarg in meinen Augen vernünftig klingende Worte sagt, warum wird er so zerrissen? Warum werden auf einmal sogar Schulen geschlossen?

 

Auf Antworten muss ich nicht lange warten. Ich erhalte über das Internet, von Freunden und über Telegram-Kanäle reichlich Informationen, die sich mit meiner bisherigen Lebenserfahrung decken, aber keineswegs beruhigend klingen.

 

Hinzu kommt, dass ich plötzlich nicht mehr einkaufen gehen kann, ohne mich aufzuregen. 1,5 m Sicherheitsabstand an den Kassen, Klebestreifen am Boden, Plexiglasscheiben, säuselnde Lautsprecheransagen die mich auffordern, bargeldlos zu bezahlen. Jeden Tag lassen sie sich scheinbar neue Schikanen einfallen und als mir das erste Mal jemand sagt, dass ich einen Einkaufswagen nehmen muss, obwohl ich nur ein paar Äpfel kaufen möchte, probe ich den Aufstand und gehe ohne Wagen rein.

 

Dann verkündet Bill Gates im Fernsehen: „Wir werden letztendlich 7 Milliarden Menschen impfen.“ Eine Freundin stellt mir eine Frage, die mich nicht mehr loslässt: „Ute, die Regierung sorgt sich um unsere Gesundheit? So sehr, dass sie dafür die Wirtschaft den Bach runterfahren lässt? Seit wann?“

 

Ich verbringe Stunde um Stunde damit, zu recherchieren und alternative Nachrichten zu sichten. Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und kann nicht mehr schlafen.

 

Was hatte meine innere Stimme gesagt: „Ganz bei mir ankommen? Mich ganz auf mich besinnen?“ Davon kann keine Rede sein. In mir herrscht große Unruhe, Sorge und immer wieder auch Ärger.

 

Bis mir klar wird: Moment mal - Du bist wütend und du hast Angst. Und es spielt überhaupt keine Rolle, welche Gedanken diese Angst verursachen. Der Eine hat Angst vor dem Virus. Ein anderer hat Angst vor Zwangsimpfung oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor Armut, vor einer Diktatur, vor dem Wegfall seiner Grundrechte. Fakt ist, dass Angst gleich Angst ist. Meine Angst ist nicht besser, nur weil ich glaube so schlau zu sein und glaube erkannt zu haben, dass das Virus nicht so gefährlich ist wie behauptet wird.

 

Mit dieser Erkenntnis werde ich ruhiger, kann wieder mehr zu mir finden und das Schöne in meinem Leben sehen.

Ich höre wie Daniele Ganser, ein Historiker der sich mit dem Kriegsgeschehen auf der ganzen Welt beschäftigt, auf dem Angstfrei- Kongress in Zürich sagt: „Kriege entstehen immer durch zwei Emotionen – Angst und Wut.“

Da beschließe ich: Ich möchte den Menschen von meiner Erfahrung erzählen. Davon, dass Angst = Angst ist und somit so oder so ein schlechter Berater und Wegbegleiter.

 

Aber als ich nach Worten dafür suche, habe ich ein ungutes Gefühl im Bauch. Ich bin unsicher. Welche stressvollen Gedanken verursachen dieses Gefühl? Dem möchte ich nachgehen. (Erster Schritt von The Work – Bewusstwerdung der belastenden Gedanken)

 

Ich stelle mir die Frage: Was ist deine Motivation? Warum möchtest du den Menschen von deiner Erkenntnis erzählen? Meine Antwort: Die Menschen sind zu sehr in der Angst. Wenn wir zu sehr in der Angst sind, werden wir alle untergehen und Opfer sein.

 

Ah, das sind also meine stressvollen Gedanken und das ist mein Konflikt! Ich will Euch erzählen, dass es viel besser ist, keine Angst zu haben und meine Motivation dazu sind angstbesetzte Gedanken. Ich will Euch eine Rede über die Auflösung von Angst und über den Frieden halten und in mir selbst fühlt es sich nicht friedlich an, weil ich glaube, dass Ihr zu sehr in der Angst seid.

 

Die Menschen sind zu sehr in der Angst. Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich diesen Gedanken glaube? (Frage 3 von The Work)

 

Ich habe selbst Angst. Ich habe Angst, dass alles schief geht, wenn die Menschen in der Angst stecken bleiben. Ich habe Angst, dass wir dann untergehen und Opfer sind.

 

Aber diese Angst schaue ich mir nicht an, sondern will Euch überzeugen, stelle mich über Euch, weiß es besser als ihr. Ich versuche Euch zu belehren, zu missionieren. Ich versuche meine eigene Angst wegzumachen, indem ich Euch dazu bringe, doch bitte nicht so sehr in der Angst zu sein. Ich beschäftige mich mit dem Außen, bin nicht mehr bei mir, kümmere mich nicht um mich.

 

Ich thematisiere die Angst und bleibe damit weiterhin in der Angst.

 

Und ich kann nicht sehen, dass Angst dazu gehört. Ohne Schatten kein Licht. Ich kann nicht sehen, dass Angst gut und notwendig ist, um zu erkennen, was ich möchte und was nicht. Ich kann nicht sehen, dass aus Angst auch etwas Großartiges erwachsen kann und dass Angst die Emotion ist, die uns hellwach machen kann.

 

Ich kann nicht sehen, dass schon so viel Bewegung drin ist, dass es schon so viel mutige Menschen gibt, die sich kritisch und konstruktiv äußern. So viele Dinge, die gerade ans Licht kommen. Kann dem Prozess nicht seine Zeit geben, bin zu ungeduldig.

 

Wer wäre ich ohne den Gedanken, dass die Menschen noch zu sehr in der Angst sind? (Frage 4 von The Work)

 

Wenn ich ohne den Gedanken bin, dann kann ich die Kraft spüren, die davon ausgeht, dass sich gerade so viele Menschen versammeln. Ich kann mich auf mich und meine Angst konzentrieren, ganz bei mir ankommen und dort etwas bewirken. Ich spüre Zuversicht, dass wir es alle schaffen, aus der Angst zu herauszukommen. Mehr als Zuversicht. Ich weiß es. Ich kann sehen, wie viele Menschen hier das gleiche Ziel haben.

 

Wenn wir zu sehr in der Angst sind, werden wir alle untergehen und Opfer sein. Ich möchte diesen Satz gerne ins Gegenteil umkehren. (Die Umkehrung von The Work)

 

Wenn wir zu sehr in der Angst sind, werden wir nicht untergehen. Wir werden auftauchen, uns zeigen, bemerkbar machen. Wir werden nicht Opfer sein, sondern Schöpfer. Wir werden mitgestalten, wunderbare Ideen und Visionen entwickeln.

 

Eine weitere mögliche Umkehrung ist die Umkehrung zu mir selbst. Wenn ich zu sehr in der Angst bin, werde ich untergehen und Opfer sein. Ja, wenn ich zu sehr in der Angst bin dreht sich mir der Magen um, ich fühle mich schwach, kann nicht mehr klar denken, mache mich verrückt, kann nicht mehr schlafen, verliere mein Vertrauen, gerate aus meiner Mitte, mache mich gedanklich zum Opfer und andere zum Täter.

 

Ich danke allen mutigen Menschen da draußen, die sich ihren jeweiligen Ängsten stellen und mir meine eigene Angst so deutlich vor Augen geführt haben.

 

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